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oder
Brauchen wir die Fähigkeit zum STATISTIK TRICKSEN?
Im Buch "Lexikon der Fitness- Irrtümer"
von
Pollmer/ Warmuth / Frank
geht es um Missverständnisse, Fehlinterpretationen und Halbwahrheiten
(Eichborn Lexikon)
Übersichtlich strukturiert, salopp formuliert,
jedoch manchmal mit demselben Makel behaftet, der den Argumenten der Gesundheitsindustrie
anhaftet, nämlich der Einseitigkeit, ist es trotzdem steckenweise amüsant
und lesenswert.
Es bietet reichlich Argumente zur Diskussion auf dem Weg zu einem breiteren
Wissen.
Anstelle einer Rezension des Buches folgt ein Abdruck eines kleinen aber feinen
Kapitels, das uns wieder einmal daran erinnert, dass jedes Problem von mehreren
Seiten gesehen werden kann.
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Harvard Alumni - die Mutter aller Bewegungsstudien
Wer sich mit dem Thema "Sport und Gesundheit" beschäftigt,
kommt an ihr nicht vorbei. Ob Krankenkassenbroschüre, Internetauftritt
eines Fitnessstudios, Medizin oder Sportlehrbuch, die Harvard -Alumni -Studie
der Arbeitsgruppe um den Epidemiologen Ralph S. Paffenbarger Jr. von der Stanford
University ist allgegenwärtig. Sie gilt als Kronzeugin eines sicheren wissenschaftlichen
Beweises für den Segen körperlicher Ertüchtigung auf die Herzgesundheit
und die Lebenserwartung.
Das Besondere an dieser Studie ist der lange Beobachtungszeitraum. Anfang der
sechziger Jahre wurden über 30 000 Männer, die zwischen 1916 und 1950
ein Studium an der Harvard University abgeschlossen hatten), per Fragebogen
nach ihren Lebensgewohnheiten und nach ärztlich diagnostizierten Erkrankungen
befragt, zum Beispiel nach ihrer körperlichen Aktivität, nach Zigarettenkonsum,
Bluthochdruck, Gewicht et cetera. über 20 000 (68 Prozent) Ehemalige schickten
die Fragebögen zurück. Im Jahr 1977 fand eine erneute Befragung unter
den noch lebenden 19 359 Hochschulabsolventen statt; von diesen reagierten 14
800 (76 Prozent). Vom Alumni -Büro der Universität erfuhren die Forscher
regelmäßig, wer gestorben war. So konnten sie sich die Totenscheine
besorgen und die Todesursachen zu Protokoll nehmen. Diese Daten sind die Grundlage
zahlreicher Auswertungen zum Thema Bewegung und Gesundheit.
1978 erschien ein Artikel zum Zusammenhang von körperlicher Aktivität
und Herzinfarktrisiko. Demnach starben die Studienteilnehmer um so seltener
an Herzinfarkt, je mehr sie sich bewegten - aber nur bis zu einer Größenordnung
von 2000 Kilokalorien pro Woche. Oberhalb von 2500 Kilokalorien zog die Herzinfarktrate
sogar wieder etwas an. Bemerkenswert der Kommentar der Forscher: Die Ergebnisse
zeigten "eher ein Plateau des Nutzens als eine durchgehend fallende Linie"
- dabei stieg die Linie! 2000 Kilokalorien Gesamtaktivität pro Woche sind
im übrigen nicht besonders viel. Dazu genügt täglich ein flotter
Spaziergang von etwa 30 Minuten Dauer, sofern man den Rest des Tages nicht bewegungslos
herumhängt.
Was aber viel wichtiger ist: Das Auftreten von Herzinfarkt sagt nichts über
die Gesamtsterblichkeit aus. Das heißt, die aktiveren Männer könnten
ja statt an Herzinfarkt an etwas anderem gestorben sein, ohne an Lebenszeit
dazugewonnen zu haben. Daten zur Gesamtsterblichkeit liefert das Paffenbarger
-Team 15 Jahre später nach. Das Ergebnis zeigt Graphik A.
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Bei den Inaktivsten hatte es die meisten Todesfälle gegeben;
ihr Sterberisiko wurde gleich 1 gesetzt. Die Toten der anderen Aktivitätskategorien
wurden dazu ins Verhältnis gesetzt. Wie man sieht, schwankt das Sterberisiko
in den übrigen Gruppen stark. Alles in allem keine Ergebnisse, aus denen
sich zweifelsfrei herauslesen ließe, das Wohl der Menschheit hinge von
Sportstudios und Fitnessprogrammen ab.
Auffällig ist der große Unterschied zwischen der ersten und der achten
Gruppe. Was sind das wohl für Leute? Werfen wir einen Blick auf die Gruppe
mit dem schlechtesten Ergebnis. Diese Herren bewegen sich für null bis
500 Kilokalorien pro Woche. Wer Woche für Woche null Kalorien durch Bewegung
verbraucht, kann eigentlich nur bettlägerig sein! Und wer unter 500 Kilokalorien
liegt, ist wahrscheinlich gehbehindert, denn bereits für die üblichen
Alltagsaktivitäten muss man mehr Energie aufwenden. Es handelt sich demnach
vermutlich überwiegend um Menschen, die sich vielleicht gerne bewegten,
aber aufgrund von Beschwerden oder Krankheiten nicht mehr können! Dass
diese Gruppe eine geringere Lebenserwartung hat als die übrigen Teilnehmer
der Studie, ist banal. Vergleicht man die Sterblichkeit der ersten mit der letzten
Gruppe, also die "Bettlägerigen" mit den "Hochaktiven",
dann beträgt das Sterberisiko der Sportfreaks nur die Hälfte. Und
weil das auf den ersten Blick so beeindruckend klingt, wird dieser Unterschied
seitdem gerne in Gesundheitssendungen und Fitnessratgebern als Beweis für
die lebensverlängernde Wirkung von Sport kolportiert! Aber in Wirklichkeit
besagt das gar nichts. Denn es bestätigt nur, dass Gesunde länger
leben als Kranke.
Über den schwankenden Risikoverlauf zwischen der ersten und der letzten
Gruppe könnte man trefflich streiten: Handelt es sich um eine u -förmige
Linie mit einem "Ausreißer" am Ende oder um eine abfallende
Gerade mit zwei "Ausreißern" bei Gruppe sechs und sieben? Da
Bewegung per Expertenmeinung nicht ungesund sein darf, darf auch das Risiko
bei viel Bewegung nicht ansteigen. Ganz klar, die Autoren entschieden sich für
die zweite Variante. Um ihr näher zu kommen, wurden die Gruppen in "geeigneter"
Weise neu kombiniert. Das Ergebnis zeigt Graphik B.
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Gruppe 1 (die "Gehbehinderten") ließ man unbehelligt,
die Gruppen 2, 3 und 4 wurden zu einer zusammengefasst, ebenso die Gruppen 5,6
und 7. Die Zahlen der Gruppe 8 waren zu schön, um sie irgendwo dazwischen
zu mogeln; sie durften bleiben. Durch diese - wie die Autoren im übrigen
selbst zugeben - willkürliche Einteilung sieht das Ergebnis gleich viel
besser aus, nicht wahr? Man braucht nur wenig Phantasie, um die ersehnte fallende
Linie zu erahnen. Hurra, je mehr Sport, desto besser!
Was wäre wohl geschehen, hätte man die Balken aus Graphik A statt
dessen paarweise zusammengefasst? Dann wären die Kombinationen ab 1000
Kilokalorien aufwärts (also 3+4, 5+6, 7+8) alle gleich hoch ausgefallen.
Und das hätte genau das Gegenteil bewiesen, nämlich, dass moderate
Bewegung ebenso viel nützt oder schadet wie viel Sport. Till Eulenspiegel
hätte an solchen Taschenspielereien seine helle Freude gehabt.
Aber das ist noch nicht alles. Ein Jahr später erscheint ein Buchbeitrag
des Paffenbarger -Teams, in dem die Daten der Harvard Alumni aus demselben Untersuchungszeitraum
wie eben neu präsentiert werden. Nur ist dieses Mal nicht von 10 269, sondern
von 11864 Teilnehmern die Rede, und eigentümlicherweise hat sich die Zahl
der Todesfälle von 475 auf 729 erhöht. Da fragt man sich schon, wie
vertrauenswürdig die Daten eigentlich sind. Die acht Gruppen gibt es noch,
und der Risikoverlauf ist der gleiche wie in Graphik A, aber die Autoren haben
sich für eine neue Zusammenfassung entschieden (siehe Graphik C). Die Zahlenjongleure
kombinieren schlicht die Gruppen eins bis vier und die Gruppen fünf bis
acht und können nun behaupten: Wer mehr als 2000 Kilokalorien Bewegung
pro Woche zustande bringt, hat ein um 30 Prozent vermindertes Sterberisiko.
Das lesen wir bis heute in den meisten Fachbüchern zum Thema. Wer weiß
schon, auf welche Weise die Schwankungen im Risikoverlauf glattgebügelt
wurden?
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Die Säulengraphiken wurden anhand von Zahlen aus den Veröffentlichungen
der Harvard- Alumni -Studiengruppe erstellt (Paffenbarger 1993, Paffenbarger
1994, Sesso 2000, Lee 2000). Links sieht man, wie aus einem ursprünglich
deutlich schwankenden Kurvenverlauf (A) erst eine fallende Linie (B) und dann
eine klare Ja -nein - Unterscheidung konstruiert wird (weitere Erläuterungen
im Text). Die daraus abgeleitete Empfehlung lautet. - Der Mensch muss mehr als
2000 Kilokalorien pro Woche durch Bewegung verbrauchen, um sein Leben zu verlängern.
Und zwar je mehr, desto besser. ABER: Die Wissenschaftler hatten bei ihren statistischen
Berechnungen die Raucher nicht berücksichtigt. Rauchen beeinflusst die
Sterblichkeit aber erheblich, und außerdem sind Raucher unter sportlicheren
Menschen seltener zu finden.
Bei den Graphiken D + E wurde bei der Risikoberechnung nicht nur der Faktor
Rauchen, sondern auch das Gewicht, der Alkoholkonsum sowie das Sterbealter der
Eltern berücksichtigt. Nun lautet das Ergebnis: Weder für die Herzgesundheit
(D) noch für die Lebenserwartung (E) bringen Bewegungsumfänge von
über 2000 Kilokalorien pro Woche einen zusätzlichen Vorteil (weitere
Erläuterungen im Text).
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Lässt sich so viel Trickserei noch überbieten? Aber sicher! Und der Trick ist eigentlich unverzeihlich: Die Zahlen, mit denen Professor Paffenbarger die in A bis C dargestellten Ergebnisse produziert hat, sind nur altersbereinigt. Das heißt, man hat zwar berücksichtigt, dass ein alter Herr eher stirbt als ein junger Hochschulabsolvent, aber die Raucher wurden nicht herausgerechnet. Dabei ist der Einfluss des Rauchens sowohl auf die Herzinfarkthäufigkeit wie auch auf die Gesamtsterblichkeit ganz erheblich. Und außerdem tummeln sich unter den sportlicheren Zeitgenossen in der Regel weniger Raucher. Das heißt, die verminderte Sterblichkeit in den aktiveren Gruppen könnte auch darauf zurückzuführen sein, dass diese Personen weniger geraucht haben. Die Daten zum Zigarettenkonsum wurden von den Wissenschaftlern erhoben. Warum haben sie sie nicht in ihre Berechnungen einfließen lassen? Zudem werden in seriösen Studien die relativen Risiken zusätzlich noch um weitere Faktoren bereinigt, von denen man eine Beeinflussung des Ergebnisses vermutet, vor allem das Sterbealter von Eltern und Großeltern, denn die Lebenserwartung besitzt eine starke erbliche Komponente.
Den Beweis für die Berechtigung dieser Kritik liefert die Harvard -Alumni
-Studiengruppe im übrigen selbst. Man muss sich nur die Ergebnisse neuerer
Veröffentlichungen ansehen. Im Jahr 2000 beispielsweise erschienen zwei
Artikel, der eine zu koronaren Herzerkrankungen und Aktivität, der andere
zu Lebenserwartung und Aktivität. Beide berechnen das relative Risiko nun
auch unter Berücksichtigung von Gewicht, Rauchgewohnheiten, Alkoholkonsum
und Sterbealter der Eltern (= multivariant) (siehe Graphiken D und E). Nicht
vergessen: Es handelt sich dabei um exakt die gleiche Personengruppe wie in
A bis C.
Damit ist die Katze aus dem Sack! Die bereinigten Zahlen besagen:
Menschen, die durch Bewegung pro Woche mehr als 2000 Kilokalorien verbrauchen,
haben weder ein gesünderes Herz, noch steigern sie ihre Lebenserwartung.
Und wenn man dann noch berücksichtigt, dass auch hier wieder die höchste
Sterblichkeit bei den "Gehbehinderten" auftritt, sind die Unterschiede
zwischen den verbleibenden Gruppen zu gering, als dass sie als Argument für
Sport herhalten könnten. Außerdem ist damit indirekt eingestanden,
dass die populären und allerorten zitierten Ergebnisse früherer Veröffentlichungen
durch Statistik -Schieberei zustande kamen.
Als ob das alles nicht schlimm genug wäre, hat die Studie noch einen weiteren
Haken: Die Harvard -Alumni -Population ist nicht repräsentativ für
die Gesamtbevölkerung. In die Auswertung konnten zwangsläufig nur
die Bewegungsdaten der Hochschulabsolventen eingehen, die den Fragebogen ausgefüllt
zurückgeschickt hatten. Das taten jeweils um die 70 Prozent aller möglichen
Kandidaten. Was war mit den anderen 30 Prozent? Von ihnen erfuhren die Forscher
über das Alumni -Büro der Universität zumindest Todeszeitpunkt
und Todesursache laut Totenschein. Daraus konnten sie separat die Herzinfarkt
- bzw. Sterberate berechnen. Die lagen bei den Männern, die sich nicht
geäußert hatten, um 48 bzw. 67 Prozent höher als bei denen,
deren Angaben ausgewertet werden konnten! Vermutlich, weil viele Kranke andere
Sorgen haben, als ihre Krankengeschichten neugierigen Universitätsangestellten
zu übermitteln. Damit sind die beiden Gruppen so uneinheitlich, dass die
Harvard -Alumni -Studie nicht einmal eine allgemeingültige Aussage für
die Hochschulabsolventen von Harvard treffen kann! Geschweige denn für
Frauen oder für Männer mit einer anderen Ausbildung und/oder nichtakademischen
Berufen.
Wenn die Harvard -Alumni -Studie etwas zeigt, dann eigentlich nur, dass in Harvard
ausgebildete Männer, die Fragebögen ausfüllen, länger leben
als Kollegen, die das aus irgendwelchen Gründen nicht tun. Trotzdem hat
noch niemand gefordert, dass nun alle Menschen nach Harvard gehen sollten, um
Fragebögen auszufüllen, damit sich ihre Lebenserwartung erhöht.
Warum bloß nicht?
Eventuell beschleicht Sie jetzt das Gefühl, statt einem wissenschaftlichen
Seminar der Führung durch eine Fälscherwerkstatt beigewohnt zu haben.
Aber Sie haben nur die Manipulationen zu Gesicht bekommen, die bei der Lektüre
der Publikationen mit bloßem Auge erkennbar sind und die auch jeder Fachmann,
der sich auf diese Studien beruft, mühelos feststellen können müsste.
Zur freundlichen Beachtung: So entstehen, geschätzte Leserin und werter
Leser, die grundlegenden Beweise, die ihnen von Krankenkassen, Gesundheitspolitikern,
Fernsehärzten und anderen Experten zur sportlichen Motivation vorgehalten
werden und die zugleich in der Diskussion um höhere Krankenkassenbeiträge
für "Unsportliche" als wissenschaftliche Grundlage dienen.
- Fitness -Empfehlungen: Die Fitness -Empfehlungen sind wissenschaftlich
gesichert
- Fitness -Empfehlungen: Die evidenzbasierte Medizin - Herzgesundheit: Sport
schützt das Herz
Quellen:
R. S. Paffenbarger et al.: Physical activity as an index of heart attack risk
in college alumni. American Journal of Epidemiology 1978/108/S. 161 ff.
R. S. Paffenbarger et al.: The association of changes in physical -activity
level and other lifestyle characteristics with mortality among men. New England
Journal of Medicine 1993/328/S. 538
R. S. Paffenbarger et a1.: Some interrelations of physical activity, physiological
fitness, health, and longevity. In: C. Bouchard et al. (Hrsg.): Physical Activity,
Fitness, and Health. Human Kinetics Publishers, Champaign 1994, S. 119 ff.
H. D. Sesso et al.: Physical Activity and Coronary Heart Disease in Men. The
Harvard Alumni Health Study. Circulation 2000/102/ S. 975 ff.
1. -M. Lee, R. S. Paffenbarger: Associations of Light, Moderate, and Vigorous
Intensity Physical Activity with Longevity. American Journal of Epidemiology
2000/15 1/ S. 293 ff.