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Die österreichische Nation (Teil 3)
Von Dr. Walter KRISTANZ

Abschluss der in Folge 3/02 begonnenen und in Folge 4/02 fortgesetzten wissenschaftlichen Erörterung zu einem immer wieder zu Diskussionen Anlass gebendem Thema.  

 Hitler und die Erosion der großdeutschen Idee

Die Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich war vordergründig die Vollendung der Anschlussbemühungen nach dem 1. Weltkrieg. Aber nicht zu Unrecht wird gerade für die Zeit bis 1945 von einer Erosion der großdeutschen Idee gesprochen.1 Ausschlaggebend war zweifelsohne Hitlers Gewaltherrschaft, der von ihm angezettelte Krieg und die Politik der Negierung der historischen Traditionen Österreichs, die vollkommene Gleichschaltung und Degradierung zu einer einfachen deutschen Provinz, nicht zuletzt seine personalpolitischen Entscheidungen, die vor allem in Wien  "Reichsdeutschen" gute Pfründe sicherten. Bereits 1940 registrierte die Gestapo Unmut, der von Verfechtern der österreichischen Nation mit aufkeimendem österreichischen Nationalbewusstsein gleichgesetzt wird.2 Als unbestrittenes Ergebnis ist festzuhalten: Der Anschluss als politisches Anliegen war 1945 für die große Bevölkerungsmehrheit tot. Ob die großdeutsche Idee als kulturelles Anliegen in der 2. Republik in den Parteiprogrammen Niederschlag fand, wird im Folgenden erläutert.

Die Zweite Republik und die österreichische Nation

Hitlers Herrschaft, die totale Niederlage, die Moskauer Deklaration von 1943 und die alliierte Besetzung waren nicht die geeigneten Ansatzpunkte, unmittelbar nach Kriegsende ein Fortleben der deutschen Kulturnation zu postulieren. Auch aus taktischen Überlegungen erschien eine Distanzierung vom Deutschtum und kollektive Verdrängung der Ereignisse von 1938 als politische Notwendigkeit, "österreichisch" und "deutsch" sollten nun ein gegensätzliches Paar bilden.3 Hanisch bewertet die Österreichpropaganda dieser Jahre als Erfindung von Traditionen (Habsburgernostalgie usw.).4 Kästner spöttelte darüber im Lied der Jungfrau Austria:5
"Ich habe mich zwar hingegeben, doch nur weil ich gemußt.
Geschrien habe ich nur aus Angst und nicht aus Liebe und Lust.
Und daß der Hitler ein Nazi war
- das habe ich nicht gewußt!

Die ÖVP

Die ÖVP war formell eine Neugründung und betonte – wohl mit unausgesprochenem Seitenblick auf die Diktatur von 1933 bis 1938 - die Abkehr von der Christlichsozialen Partei und der Vaterländischen Front.6  Sie lehnte die Eigendefinition Österreichs als besserer deutscher Staat nunmehr ab und trat für die staatliche, kulturelle und mentalitätsmäßige Eigenständigkeit ein. In den "Programmatischen Leitsätzen" von 1945 heißt es im kulturpolitischen Teil II, P.10: "... In den Schulen aller Stufen, …. restlose Durchdringung des Unterrichts mit österreichischem Gedankengut. ( ... ) Intensivste Arbeit am Aufbau der österreichischen Nation, die ein starkes, stolzes österreichisches Staats- und Kulturbewußtsein formen muß."7  Sinngemäß sprach ihr erster Obmann Figl in seiner Regierungserklärung vom Dezember 1945, dass wir kein zweiter deutscher Staat sind und niemals Ableger einer anderen Nationalität waren.8 Nach Kriechbaumer geht diese Gesinnung auf Hurdes zurück9, der als Unterrichtsminister in den Schulzeugnissen die Bezeichnung "deutsche Sprache" durch "Unterrichtssprache" (im Volksmund ironisch "hurdestanisch" geheißen) ersetzen ließ. Kreissler berichtet, dass Alfred Missong (Chefredakteur der "Österreichischen Monatshefte") der Hauptvertreter dieser Richtung und Verantwortlicher für die programmatische Verankerung war.10
Unter Hinweis auf diese Passagen wird in der ÖVP-Literatur gerne hervorgehoben, dass von allen Parteien die ÖVP das stärkste Österreichbewusstsein habe; Gründe seien das KZ-Erlebnis und die Österreich-Ideologie von Dollfuß gewesen.11 Eine Verschleierungstaktik wird auch eine Rolle gespielt haben: Die personelle Verquickung mit der Christlichsozialen Partei bzw. Vaterländischen Front über ihre Obmänner Figl und Raab (der niemals in einem KZ war) war offenkundig; beide hatten im christlich-deutschen Ständestaat hohe Ämter bekleidet.
In "Alles für Österreich" (1952) wurde dieses Bekenntnis modifiziert: Die ÖVP bekannte sich zur Eigenständigkeit Österreichs (1,1) und trat in der Kulturpolitik (11,8) "für eine zielbewußte Pflege des österreichischen Geistes und des eigenständigen österreichischen Kulturgutes, das in dem als Vätererbe auf uns überkommenen christlich-abendländischen Ideengut begründet ist“, ein.12 Gorbachs Rede im Nationalrat 1954 belegt aber das Fortleben großdeutschen Gedankengutes in ÖVP-Führungskreisen,13  in einer Forumsdiskussion in der Volkshochschule Wien-Brigittenau (berichtet im „Wiener Montag“ vom 3.4.1967) kritisierte er linksintellektuelle Kreise wegen ihrer Leugnung der Zugehörigkeit Österreichs zum deutschen Kulturkreis und der Konstruktion einer österreichischen Nation.14 Resignierend stellt Kreissler fest, dass die Absichten der ÖVP zwar edel und stark waren, aber nicht immer verwirklicht wurden; er wirft der ÖVP zu große Vergangenheitsbezogenheit und durch die Bezugnahme auf das christlich‑abendländische Ideengut den Ausschluss von Juden, Romanen, Ungarn und Slawen vor.15
In den folgenden Programmen fehlen schließlich ausdrückliche Bekenntnisse zur österreichischen Nation, z. B. in "Was wir wollen" von 1958.16 Im Klagenfurter Manifest (1965) wird nur in einer Überschrift verschwommen der Kulturstaat Österreich erwähnt, im Programm von 1972 liest man in einem unverfänglichen Zusammenhang von einer kulturellen Tradition und Eigenständigkeit Österreichs.17 Der von der ÖVP nominierte Präsidentschaftskandidat Waldheim hielt jedenfalls im Wahlkampf 1986 die Bewahrung deutschen Volks- und Kulturbewusstseins "für richtig, weil es einen Teil der österreichischen geistigen und kulturellen Geschichte darstellt"18. Mocks Reaktion auf die Haider’sche Äußerung einer Missgeburt der österreichischen Nation war eher beschwichtigend ("alte Posthorntöne").
Das 1995 beschlossene Parteiprogramm stand im Zeichen des kurz vorher vollzogenen Beitritts zur EU. Es enthält nur mehr vage Äußerungen zum kulturellen Erbe unserer Heimat,  („reiche und vielschichtige kulturelle Identität“) sowie die Forderung an eine EU, „in der die Menschen in ihren lokalen Gemeinschaften Heimat, Geborgenheit, geistige Orientierung und moralische Bindung begründen können.“19

Die SPÖ

Hitler bewirkte auch ein Umdenken in sozialdemokratischen Kreisen. Nach der Moskauer Deklaration verspürten die Anschlussgegner in der Emigration Aufwind, nur eine Minderheit, darunter der seit seinem Attentat auf den österreichischen Ministerpräsidenten Stürgkh 1916 zum Heros der "Linken" aufgestiegene Friedrich Adler  (Sohn des Parteigründers Viktor Adler) wagte es, an der deutschen Kulturgemeinschaft festzuhalten.20 Die Anschlussforderung des Parteiprogrammes 1926 war obsolet, die staatliche Eigenständigkeit Österreichs wurde akzeptiert, die Frage der Zugehörigkeit zur deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft schwelte aber noch etwas weiter. Das oberösterreichische Parteiorgan "Linzer Tagblatt" bezeichnete in einem Leitartikel vom 17.02.46 die Österreicher als Deutsche österreichischer Staatsbürgerschaft, als eine politische Nation, aber ein Teil des deutschen Gesamtvolkes. Die Reaktion zeigte die Unerwünschtheit dieser Feststellung auf: Die US‑Besatzungsmacht zwang die oö. Landesparteileitung zur Distanzierung vom Autor Oberhummer bei Androhung des sonstigen Entzuges der Zeitungslizenz, obendrein musste der Redakteur entlassen werden.21 Friedrich Adler nahm den Fall Oberhummer zum Anlass, vor "der Flucht aus der Nation" zu warnen und das Bekenntnis zur österreichischen Nation als unwürdig für österreichische Sozialisten zu entlarven, weil die plötzliche Österreich-Ideologie nur ein Vorwand für die Zusammenarbeit mit dem Klassengegner (ÖVP) sei.22 Der Sozialist Ardelt erläutert Jahrzehnte später die Ansicht Adlers, dass nicht politisches Interesse, sondern moralische Gründe (Solidarität mit der deutschen Arbeiterklasse im Kampf gegen Hitler) bei ihm ausschlaggebend waren. Nach Adler durfte man sich nicht vor der Tatsache verschließen, dass neben Hitler und Seyß-Inquart auch viele andere Österreicher zu den ärgsten Verbrechern des NS-Regimes gehörten, er wollte die Schuld nicht allein auf die anderen Deutschen abgewälzt wissen und protestierte, dass Antifaschisten, die sich zur deutschen Volksgemeinschaft bekannten, als Nazis diffamiert wurden.23 Der Kommunist Fischer polemisierte gegen Adler, wobei ihm vom wendigen Renner (siehe seine bekannte Pro-Haltung bei der NS-Volksabstimmung 1938 über den Anschluss) assistiert wurde, der die Haltung Adlers in der Nationsfrage als "eine herausgefallene und aufgeklaubte Seite eines längst vergilbten politischen Lesebuchs" abtat.24    
Die Parteiräson verlangte anschließend Stillschweigen in der Nationsfrage. Adler, der nach 1945 seinen Wohnsitz nicht mehr in Österreich nahm, dürfte dennoch über einen beträchtlichen Anhang in der SPÖ verfügt haben. Der Parteivorsitzende Schärf überbrachte von ihm 1946 dem Parteitag Grüße und das Aktionsprogramm von 1947 beinhaltete einen Passus gegen die Kollektivbeschuldigung des deutschen Volkes, was als verdeckte Zustimmung zu seiner Haltung gewertet wird.25 Das Zehn-Punkte-Programm (1952) berührte die Nationsfrage nicht, ebenso das "Neue Parteiprogramm" von 1958, in dem man allerdings im Kapitel für Staat und Gesellschaft das Eintreten für die Unabhängigkeit und Neutralität Österreichs und die Forderung nach einer friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands findet.26
Nach Abschluss des Staatsvertrages äußerten sich prominente Sozialisten wieder offener. Der Linzer Bürgermeister und oberösterreichische Landesparteiobmann Koref schreibt in seinen Erinnerungen, dass er sich als SPÖ-Sprecher  in einer Hauptausschusssitzung des Nationalrates zum Staatsvertrag als deutschfühlend bekannte und bekräftigte 1965 in der "Zukunft", in der Anfang der sechziger Jahre darüber konträre Artikel erschienen, diese Meinung.27 Schärf meinte 1964, dass sich in Österreich Staats‑ und Nationalbewusstsein zusammenfinden werden, aber es unabhängig davon immer ein Volksbewusstsein geben wird, das die Gemeinsamkeit im deutschen Kulturgut immer wieder geistig lebendig erhalten wird.28 Pittermann (Vorsitzender 1957 bis 1967) erklärte im April 1964 bei einer Tagung sozialistischer Akademiker: "Auf die Frage, ob wir Deutsche oder Österreicher sind, wird die Mehrheit der Österreicher wie 1918 antworten: deutsche Österreicher, wie es auch slowenische, kroatische, tschechische und magyarische Österreicher, wenn auch nur als kleine Minderheiten, gibt."29 Kreisky (Vorsitzender 1967 bis 1983) vertrat aufgrund Herkunft und Prägung durch das schwedische Exil eine nuancierte Auffassung, indem er sich auf die sowjetische Deutung eines viergeteilten Deutschland bezog (in BRD, DDR, Gebiete jenseits der Oder-Neiße‑Linie und Österreich) und von Österreich im Hinblick auf slawische Ortsnamen auf "kein rein deutsches Land" schloß.30 Vranitzky wich Fragen nach seiner persönlichen Definition einer österreichischen Nation bzw. österreichischen Identität aus.31 Von Gusenbauers Aufklärung über braune Flecken in der SPÖ – aus heutiger linker Sicht würde wohl auch das vergangene großdeutsche Bekenntnis der Sozialdemokratie eine Befleckung bedeuten – hört man in der Öffentlichkeit schon lange nichts mehr. Dieser Negativbefund findet seine Entsprechung in den Programmen:
Im Programm von 1978 stehen nicht einmal andeutungsweise für unser Thema relevante Aussagen32, ebenso im jüngsten Grundsatzprogramm.33 Für die SPÖ ist das Thema nicht mehr zeitgemäß, Ansätze zu Interpretationen historischer Ereignisse finden sich aber an anderen Stellen.34

Die KPÖ

Das Österreichbewusstsein der Kommunisten wurde immer von taktischen Überlegungen bestimmt, die Linie wurde von der KPdSU vorgegeben. Im "Sofortprogramm" vom 05.08.45 war man für die Festigung des österreichischen Nationalbewusstseins35, in den Programmatischen Leitsätzen von 1946 diffamierte man die großdeutsche Idee als antiösterreichische Verleugnung der österreichischen Nation und Hilfeleistung für die unterirdischen Elemente des Nationalsozialismus36, im "Weg zur Erringung und Sicherung der Unabhängigkeit Österreichs" (1954 anlässlich der EVG‑Gründung verfasst) beschimpfte man den VdU wegen seiner Anschlussideologie und die SPÖ ob ihrer großdeutschen Tendenzen37, der "Weg Österreichs zum Sozialismus" (1958) enthielt nur die pflichtschuldigen Kapitalismusanalysen und Ausritte gegen SPÖ und ÖVP, während in den "Politisch‑ideologischen Leitsätzen“ (1974) vor allem die FPÖ für ihre Ablehnung der österreichischen Nation Schelte abbekam.38

VdU/FPÖ

Der schwarz-rote Proporz führte 1948/49 zur Gründung des VdU, der sofort als Auffangbecken ehemaliger Nationalsozialisten verunglimpft wurde.39 Das war jedoch nur die halbe Wahrheit, da dieser Personenkreis, im Wahlkampf 1949 heftig von ÖVP und SPÖ umworben, zum Teil den Weg in das schwarze und rote Lager fand, auch den Parteigründern Kraus und Reimann keine nationalsozialistische Vergangenheit nachgesagt werden konnte.
Das VdU-Programm von 1949 war sehr zurückhaltend formuliert, Anklänge an großdeutsches Gedankengut zeigt am ehesten Ab.VI, P.48. 40 Das Ausseer Programm (1954), in einer Zeit  zunehmender Spaltung des VdU in Nationale und Liberale verfasst, war bereits akzentuierter gehalten: In Ab.II heißt es, Österreich ist ein deutscher Staat, seine Politik muss dem gesamten deutschen Volk dienen.41
Die Nachfolgepartei des VdU, die FPÖ, legte in ihrem Kurzprogramm (1955) ein Bekenntnis zur Eigenstaatlichkeit Österreichs (P.3) und zur deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft (P.14) ab42, das 1957 in den "Richtlinien freiheitlicher Politik" (Art.3) wiederholt wurde43, ebenso im "Salzburger Bekenntnis" von 196444 und im "Bad Ischler Programm" von 1968 (P.1, 4 und 9).45 Das "Freiheitliche Manifest zur Gesellschaftspolitik" (1973) hob zusätzlich (in P.121) die Bedeutung der Sprache als Verständigungsmittel und Kulturgut hervor.46 Das Parteiprogramm von 1985, unter Steger entstanden, widmete diesen Gedankengängen ebenfalls breiten Raum.47
Unter Haider trat in ideologischen Fragen oft eine schwankende, tagespolitisch orientierte Haltung zutage. Seine Wortwahl erschwerte meist eine Diskussion ohne Emotionen. Einerseits preschte Haider exzessiv mit Ausritten wie „Missgeburt der österreichischen Nation“ vor, um andererseits bei Gegendruck zum Rückzug zu blasen. Wenige Jahre später forderte er das Ende der Deutschtümelei in der Partei und erläuterte die Sottise aus 1988 – nicht ganz zu Unrecht – mit den Absetzbewegungen der unmittelbaren österreichischen Nachkriegspolitik aus der Zeit vor 1945. Das Bekenntnis zu einer österreichischen Staatsnation kam dann leichter von den Lippen,48  ebenso bei Riess-Passer in der Diskussion um die Bemerkungen Jungs 2002 (siehe Teil 1). Pelinka meint in der Differenzierung zwischen Kultur- und Staatsnation eine Erfindung der FPÖ zu sehen, wodurch eine Rückzugsmöglichkeit des Deutschnationalismus in der 2.Republik gegeben wäre, ist aber dabei in Unkenntnis der Debatte des 19.Jh., vor allem der Studien Meineckes.49
Das Grundsatzprogramm von 1997 geht in Kap.IV von einer einseitigen Fixierung auf eine deutsche Vergangenheit Österreichs ab, spricht von mehreren historisch ansässigen Volksgruppen (Deutsche, Kroaten, Roma, Slowaken, Slowenen, Tschechen und Ungarn), „wobei von der Rechtsordnung denklogisch vorausgesetzt wird, dass die überwiegende Mehrheit der Österreicher der deutschen Volksgruppe angehört.“ (Art.1). „Jeder Österreicher hat das Grundrecht, über seine Identität und Volkstumszugehörigkeit selbstbestimmt und frei zu befinden.“ (Art.3).50

Die Grünen

Das Programm von 2001 ist entsprechend der kurzen Parteigeschichte wenig vergangenheitsbezogen (es findet sich nur eine kleine Passage über die Nachkriegsrepublik, in der die Opferthese für die Zeit 1938 bis 1945 als Lebenslüge klassifiziert wird). Der Begriff Nation kommt nicht vor, das Gesellschaftsbild ist multikulturell geprägt. Mit Blick auf modernen Minderheitenschutz wird die Unvereinbarkeit mit „nationalem“ Bekenntniszwang betont (P.3.11),51 der Gedanke wird aber nicht weiter ausgeführt, da wohl auch „politisch unkorrekte“ Ausformungen möglich wären.

Schlussbetrachtung

Österreich war nach 1945 nicht immer im vollen Besitz der Souveränität. Die Haltung der so genannten staatstragenden Parteien ÖVP und SPÖ in der Nationsfrage wurde in den Anfangsjahren der Zweiten Republik sicherlich mit Blickrichtung auf die Besatzungsmächte formuliert, das Geschichtsbild zwangsläufig antideutsch gefärbt. Der Prozess der Nationsbildung wurde nach dem Staatsvertrag durch massive Österreichpropaganda gefördert.52 Dazu gehör(t)en auch die regelmäßigen Umfragen, die eine zunehmende Akzeptanz der österreichischen Nation belegen - eine Tendenz, zu der auch die schon erwähnte Erfindung von Traditionen und das Wirtschaftswunder beitrugen.53 Die Ablehnung der österreichischen Nation durch führende Politiker von ÖVP und SPÖ zu Beginn der sechziger Jahre war ein Rückzugsgefecht,54 das zwanzig Jahre später durch Haider eine Neuauflage erlebte. Das Bevölkerungsecho auf die Nationsfrage war jeweils von kurzer Dauer. Ob die Nationsfrage die Bevölkerung heute überhaupt noch tiefer berührt, ist völlig ungeklärt. Der Unterschied zur Ersten Republik ist zu deutlich: Damals war das Bewusstsein der deutschen Einheit in überparteilichen Massenbewegungen (österreichisch-deutscher Volksbund, österreichisch-deutsche Arbeitsgemeinschaft) verankert, es gab Sängerfeste, Schul- und Kirchenveranstaltungen usw. Davon kann heute nicht mehr die Rede sein. Auch die Parteiprogramme sind gegenwarts- und zukunftsorientiert, für Einbindungen in Sprach-, Abstammungs- oder Kultureinheiten bleibt wenig bis kein Raum (mit Abstrichen gilt das auch für die FPÖ), in Umschreibungen von Begriffen wie „Heimat“ (bei ÖVP und konkreter bei FPÖ) oder „österreichische Identität“ (bei SPÖ, siehe III.7, Abs.8) findet sich ein Nachhall einer für die breite Öffentlichkeit offenbar längst beendeten Diskussion. Ohne viel tiefschürfende Reflexion wird Nation als „Staats(bürger)nation“ usw. von der Mehrheit der Österreicher definiert, linke Historiker jubilieren über das derzeitige Stadium der Nationsbildung: Das Konstrukt eines deutschen Volkes in Österreich ist zur inhaltslosen Leerformel geworden.55


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Anmerkungen:

1 Vgl. Bruckmüller, S.157ff   zurück

2 Vgl. Kreissler, S.189f, Bruckmüller, S.158f   zurück

3 Vgl. Mölzer, S.18, Zöllner, S.93   zurück

4 Vgl. Ernst Hanisch: Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20.Jh.1994, S.163f. In: Österreichische Geschichte 1890-1990. Hrsg. v. Herwig Wolfram. Hanisch zitiert dabei Eric Hobsbawm: The Invention of Traditions. Cambridge 1983   zurück

5 Vgl. Walter Simon: Mehr Hitze als Licht, S. 32. In: Academia, S.32-34    zurück

6 Vgl. Kriechbaumer, S.166   zurück

7 Vgl. ebd., S.166 und 288ff   zurück

8 Vgl. ebd., S.278   zurück

9 Vgl. ebd., S.276f   zurück

10 Vgl. Kreissler, S.396, bei dem sich der Sohn von Missong brieflich über das Verschweigen des Anteils seines Vaters durch die ÖVP beschwerte.   zurück

11 Vgl. Kriechbaumer, S.273ff   zurück

12 Vgl. Kadan, S.117 und 119   zurück

13 Aula 5/97, S.37   zurück

14 Wiener Montag, 3.4.1967, S.2. Gorbach war 1960 bis 1963 Bundesparteiobmann der ÖVP und 1961 bis 1964 Bundeskanzler.   zurück

15 Vgl. Kreissler, S.398 und 407f   zurück

16 Gedruckt bei Berchtold   zurück

17 Vgl. Kadan, S.139 (1965) und 211 (1972)   zurück

18 Vgl. Waldheims Interview mit der Aula 5/1986, S.18   zurück

19 Grundsatzprogramm, S.19 und 142f   zurück

20 Vgl. Adlers Artikel "Legende vom glücklichen Österreich" im Nov./Dez.-Heft 1943 der Austrian Labor Information. Z.n. R.Ardelt: Das Problem Friedrich Adler. Wien 1978, S.80. In: Konrad, S.71-87.   zurück

21 Vgl. Ardelt, S.83; Gugerbauer in Aula 4/89, S. 18 und Kreissler, S.412f, der nicht erwähnt, dass das Tagblatt eine SPÖ‑Zeitung war und überhaupt gerne ihm nicht passende Argumente und Einwände  unterschlägt.   zurück

22 Vgl. A.Schärf: Österreichs Erneuerung 1945-55. Wien 1955, S.190f   zurück

23 Vgl. Ardelt, S.83   zurück

24 Renner in der Wiener Zeitung vom 17.1.1947. Z.n. Ardelt, S.71   zurück

25 Vgl. ebd., S.83   zurück

26 Programme gedruckt bei Berchtold, bes. S.286ff   zurück

27 Vgl. E.Koref: Die Gezeiten meines Lebens. Wien 1980. (Diese Bekenntnisse finden sich im Buch verstreut.) Die Zukunft 6/1965, S.6f   zurück

28 Interview Schärfs mit der DPA. Z.n. H.Pfeifer: Werden und Wesen der Republik Österreich. Wien 1967, S.88   zurück

29 Vgl. Gugerbauer, Aula 4/1989, S.18   zurück

30 Vgl. Der Monat, H.260/1970, S.20ff   zurück
Z. n. Gugerbauer Aula 4/89, S.18; Üblagger, S.230

31 Vgl. ein in der GÖD-Zeitschrift 11/96, S.19 gedrucktes Interview.   zurück

32 Vgl. Kadan, S.184. Das „österreichische Volk“ wird im Zusammenhang mit der Neutralität erwähnt (Punkt 153)   zurück

33 Grundsatzprogramm der SPÖ, beschlossen am Bundesparteitag 1998   zurück

34 Grundsatzpapier zur Vertreibung deutscher Volksgruppen 3/2001   zurück

35 Vgl. Kriechbaumer, S.261ff   zurück

36 und 37 gedruckt bei Berchtold   zurück

38 Gedruckt bei Kadan, S.269, P.39   zurück

39 Vgl. V. Reimann: Die dritte Kraft in Österreich. Wien 1980   zurück

40 und 41 gedruckt bei Berchtold, bes. S.488f   zurück

42 Vgl. ebd., S.492f   zurück

43 Vgl. ebd., S.494ff   zurück

44 Vgl. ebd., S.509ff   zurück

45 Vgl. Kadan, S.212ff   zurück

46 Vgl. ebd., S.224ff   zurück

47 Beachte im Teil I 4.Kap.23, 5.Kap.27 und Teil II 2.Kap.114, 3.Kap.148   zurück

48 Vgl. z.B. Haiders Interviews in der WirtschaftsWoche 17/95, S.25 und 34/95, S.20ff sowie TOP 1/96.   zurück

49 Vgl. Pelinka, Anton: Österreichische Nation, S.18f. In: Informationen zur Politischen Bildung 3/1992, S.17-20. F.Meinecke: Weltbürgertum und Nationalstaat. 1907   zurück

50 Parteiprogramm vom 30. Oktober 1997, S.5   zurück

51 Parteiprogramm vom 7./8.Juli 2001, S.23f und 89   zurück

52 Sie dazu auch der linke Historiker F.Fellner: Das Problem der österreichischen Nation (1985). In: Die Rolle der Nation in der deutschen Geschichte. Hg.v. Otto Büsch, S.193-219    zurück

53 Vgl. Hanisch, S.163f   zurück

54 Die Antwort auf Kritiker der österreichischen Nation formulierte F. Koja in den Salzburger Nachrichten vom 08.02.64, S.11, wobei er Anlehnungen bei Renan nimmt: Nation ist „nichts Objektives, im Sinne des äußerlich Existierenden, vielmehr als etwas Subjektives, d.h. das Merkmal eines bestimmten Bewußtseinsinhaltes.“   zurück

55 Vgl. Hanisch, S.164   zurück


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