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„Eine deutsche Schweinerei!“
Zur nationalen Identität des W. A. Mozart

Von Dr. Erich Glück

Klar, Mozart ist Österreicher, oder tritt wieder einmal das ,,11. Gebot - Du sollst Dicht nicht täuschen“ in Kraft? Es tritt - und das sehr kräftig. Früher schien ein Blick auf die 5000-Schilling-Banknote zu genügen, um mit Mozart den vermeintlich „wertvollsten“ Österreicher in der Geldtasche mitzutragen. Heute „verkauft“ das Konterfei des Genius auf der österreichischen Ein-Euro-Münze das „unverdiente Geschenk an die Menschheit“, wie Wolfgang Hildesheimer den Schlußpunkt hinter seine Mozart-Biographie (1977) gesetzt hatte, den aus der Geschichtszäsur des Jahres 1945 hervorgegangenen homo austriacus „Amadeus“ als touristische Marzipankugel. - Hoppla! Genau dieser „Post-45“-rot-weiß-rot-Österreicher ist der am 27. Jänner 1756 in der Salzburger Getreidegasse 9 geborene und im Taufbuch der Dompfarre des deutschen Fürsterzbistums Salzburg eingetragene Johannes Chrysostomos Wolfgangus Theophilus Mozart nicht.

„Una porcheria tedesca - eine deutsche Schweinerei!“ - So lautete das anmaßende Urteil der musikalisch ahnungslosen Spanierin Maria Louisa, als sich am 6. September 1791, drei Monate vor Mozarts Tod (5. 12. 1791), der Vorhang des Prager Nationaltheaters nach der Uraufführung von „La clemenza die Tito“, die der Meister selbst dirigierte, senkte. Der böhmische Adel hatte zur Krönung des römisch-deutschen Kaisers Leopold II zum böhmischen König den „Titus“ bei Mozart in Auftrag gegeben. Maria Louisa, Ehefrau des in seinem früheren Herrschaftsgebiet, der Toskana, "Pietro Leopoldo" genannten jüngeren Bruders des 1790 verstorbenen Joseph II, hatte nur ein Ohr für ihre schmeichelnden Hofschranzen. Die höhere Kunst fand in ihren schlichtgeistigen, aber umso arroganteren Kopf keinen Einlaß. Die neu gekrönte böhmische Königin von der iberischen Halbinsel hatte sich über das, was sie zwar gehört, aber nicht verstanden hatte, mit „porcheria tedesca“, nicht mit „porcheria austriaca“ brüskiert. Ein ebenfalls nur für eher unbedarfte Geister gedachter Streit über W. A. Mozarts Nationalität sorgte jetzt für Diskussionen, die einmal mehr eklatantes geschichtliches Unwissen manifestierten. Als „porcheria tedesca - eine deutsche Schweinerei“ beschimpften jüngst auch rot-weiß-rote Beckmesser die zeitgeistige Inanspruchnahme des großen Musikgenies durch zwischen Freilassing und Flensburg, Saar und Oder angesiedelte schwarz-rot-goldene „Kultur-Usurpatoren“ der im Metier der Muse Clio nicht sehr sattelfesten Jetztzeit.

Rekordtemperaturen von bis zu 40 Grad Celsius haben auch im tropischen Sommer 2003 in Mitteleuropa die schweißgebadeten Körper schnell ermüden und die überforderten Gehirne rasch austrocknen lassen. Nur so ist der aus dem geistig abgrundtiefen Sommerloch, in dem die publizistischen sauren Gurken besonders üppig sprießen, gezerrte Streit um W. A. Mozarts nationale Herkunft erklärbar. Dieser, einem kulturgeschichtlichen Hitzekollaps gleichende Zoff um die Vereinnahmung des Musikgenies aus gegenwärtigen bundesstaatlichen Grenzperspektiven, ist symptomatisch für die unzähligen Peinlichkeiten im Umgang mit der Geschichte, der sich in der Maxime der Ignoranz „Wissen ist Macht. Nichts wissen, macht auch nichts“ artikuliert. Wenn das Konto stimmt, spielen die gefälschten „Bilanzen“ des realen historischen Gestern keine Rolle mehr.

Nicht nationalistisch

Österreichs „lebendem Musiklexikon“ Marcel Prawy (geb. als Marcell H. Frydman Ritter von Prawy am 29. 12. 1911 in Wien - gest. am 23. 2. 2003) ist dieser hanebüchene Zwist auf dem heißen Asphalt des Medien-Boulevards erspart geblieben. Auf die Frage, ob Wolfgang Amade Mozart Österreicher oder Deutscher war, hat der populäre „TV-Opernführer“ und Ex-Chefdramaturg der Wiener Staatsoper bereits 1991, im Jahr der kommerziellen Mozart-Austreibung anläßlich des 200. Todestages des genialen Tonsetzers im ORF-Beitrag „Mögen Sie Mozart?“ die historisch richtige Antwort gegeben: „Es möge die Nationalgefühle der Österreicher nicht verletzen, doch Mozart war kein Österreicher. Er war, wie der aus Hamburg stammende Wahl-Österreicher Johannes Brahms, Deutscher. Außerdem gab’s damals noch kein Staatsbürgerschaftsrecht!“ Damit untermauerte der gelernte Jurist und in der „holden Kunst“ der Musik alles wissende Prawy die von Aloys Greither in dessen Mozart-Monographie (Rowohlt; 1962) getroffene Feststellung: „Es war die Anhänglichkeit an das sich auflösende Römische Reich Deutscher Nation, die in Mozarts Verhältnis zum Kaiser (Joseph II; Anm. d. A.) mitschwang. Und so sind auch seine verschiedenen Äußerungen über das ‘Teutsche’ zu verstehen. Seine deutschen Bestrebungen galten ja vor allem dem Singspiel, der deutschsprachigen Oper und dem Kampf gegen die Vorherrschaft italienischer Künstler und der italienischen Sprache. Darüber hinaus aber klingt darin ein deutsches Nationalgefühl auf, das nicht nationalistisch ist, sondern die Weite und den Umfang des deutsch-römischen Reiches meint. - Mozart war ein gebildeter Europäer deutscher Herkunft, wobei wichtig ist, darauf hinzuweisen, daß Salzburg damals noch selbständig, also  n i c h t  österreichisch, und Mozart auch k e i n Österreicher war!“ Somit war auch Joseph Mohr (geb. 1792 in Salzburg - gest.1848 in Wagrain), der „Stille Nacht“-Texter, zur Zeit seiner Geburt kein Österreicher. Der als drittes von vier unehelichen Kindern einer Halleiner Beamtentochter und eines fahnenflüchtigen Soldaten geborene Hilfspriester kam in der Steingasse, im damaligen Armenviertel Salzburgs zur Welt. Die erzbischöfliche Residenz in Mozarts und Mohrs Geburtsstadt ist heute noch Sitz des „Primas Germaniae“.

„Der teutsche Tölpel“

Vor allem im Musikland Italien, wo der erst 14-jährige Wolfgang Amade (des lateinischen "Amadeus" bediente er sich nur scherzhaft in seinen oft zotenreichen Briefen) von Papst Clemens XIV am 5. 7. 1770 den hohen Orden des „Ritters vom goldenen Sporn“ in Empfang nimmt, werden Vater (Leopold Mozart; geb. 1719 in Augsburg - gest. 1787 in Salzburg) und Sohn Mozart nicht müde, die unterschiedlichen Elemente zwischen der „teutschen“ und der „italienischen“ Musik zu analysieren. Als dem schon in frühen Kindheitsjahren musikalisch meisterlichen W. A. Mozart bei dessen virtuosen Orgeldarbietungen zu Weihnachten 1769 in der berstend vollen Kirche von Rovereto stehende Ovationen zuteil werden, schreibt er an seine Schwester Nannerl (Maria Anna Walburga Ignatia Mozart; verehelichte Berchtold zu Sonnenburg; 1751 - 1829) bester Laune nach Salzburg: „Jetzt hört der teutsche Tölpel auf und fängt das wälsche Tölperl an!“ - Der „teutsche“, nicht der „österreichische“, wohlgemerkt! In das habsburgische Österreich übersiedelt Mozart erst 1781, als er sich nach dem endgültigen Bruch mit Salzburgs Erzbischof Hieronymus Graf Colloredo in Wien niederläßt.

Gar nicht scherzhaft, sondern in versiertem Künstlerurteil legt eine Generation nach Mozart der große Gioacchino Rossini (1792 - 1868) das für die Musikgeschichte gültige „Legato“: „Die Deutschen sind von jeher die großen Harmoniker, wir Italiener die großen Melodiker in der Tonkunst gewesen; seitdem sie im Norden aber Mozart hervorgebracht haben, sind wir Südländer auf unserem eigenen Felde geschlagen, denn dieser Mann erhebt sich über beide Nationen: er vereinigt mit dem ganzen Zauber der Cantilene Italiens die ganze Gemütstiefe Deutschlands, wie sie in der so genial und reich entwickelten Harmonie seiner zusammenwirkenden Stimmen hervortritt!“ Von Österreich oder österreichisch ist nirgendwo die Rede. Weder bei den Mozarts noch bei deren italienischen Musikerkollegen. „Das spezifisch Deutsche an Mozart hat noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts so seriöse Verfechter wie die beiden Philosophen Wilhelm Dilthey und den Neukantianer Hermann Cohen gefunden“, streicht Gernot Gruber in „Mozart und die Nachwelt“ (1985) hervor. In seinem 1915 publizierten Buch „Die dramatische Idee in Mozarts Operntexten“ orientiert sich Cohen im Schlußkapitel „Mozart als Mensch und Deutscher“ anhand des Vergleichs mit William Shakespeares „Sommernachtstraum“ unter dem Hinweis „wahrhaft dramatische Stilreinheit mit der Einheit aus Erhabenheit und Humor“ an der Romantik. Zum 150. Todestag Mozarts aber schreibt Josef Weinheber (1892 - 1945) im Kriegsjahr 1941 das fest, was auch den zu erwartenden und erneut nur nach Profiten gierenden Kommerzrummel des nächsten „Mozart-Jubel/Trubeljahres“ 2006 (250. Geburtstag) locker überleben wird: „Denn bleiben wird, was nachlebt deinen Tönen: das sinnvoll Gute in dem zwecklos Schönen!“ Der Mozart-Nationalitätenstreit des viel zu heißen Sommers 2003 war wissenschaftlich jedenfalls sinnlos albern und kulturhistorisch ganz schön zwecklos.


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